Angst

Irgendetwas schepperte. Es klang als wäre gerade der gesamte Hängeschrank in der Küche mit all den Tellern und Tassen heruntergekracht. Sie schreckte auf. Gerade eben schlief sie noch ganz entspannt in ihrem Bett, doch jetzt rast ihr Herz und sie sitzt aufrecht in ihrem Bett. Zunächst ist sie nicht sicher, ob sie nur schlecht geträumt hat, doch dann hört sie ein weiteres Geräusch aus der Küche. Offensichtlich nochmal ein Stück Porzellan, das eben zu Bruch ging. Als ob jemand einen Teller mit Gewalt auf den Boden geworfen hätte.

Charlotte ist gerade noch dabei ihre Gedanken zu sortieren, da hört sie schon wieder das gleiche Geräusch. Sie ist etwas verunsichert und überlegt, was sie nun tun soll. Immerhin lebt sie alleine mit ihrer Mutter in dieser Wohnung. Und die saß vor ein paar Stunden, als Charlotte ins Bett ging noch vor dem Fernseher. Das macht sie eigentlich immer. Sie sitzt den ganzen Tag vor dem Fernseher. Sonst nichts. Aufstehen tut sie nur wenn sie zur Toilette geht oder Charlotte nach hause kommt. Aber Charlotte ist sich nicht sicher, ob ihre Mutter das jeden Tag so bewusst registriert, dass ihre Tochter, dass sie, Charlotte, zu Hause ist. Denn ihre Mutter öffnet zwar stets die Tür, schaut Charlotte mit einem Blick an, als würde sie durch sie hindurchsehen und schließt die Tür wieder. Ja der Blick der Mutter sieht so aus, als ob sie die Tür öffnen würde um zu schauen ob da jemand ist, und es scheint als ob sie niemanden sehen würde und sich wieder umdreht um sich wieder vor ihren Fernseher zu setzen.

Nun aber, mitten in der Nacht, ist nichts mehr vom Fernseher zu hören. Stattdessen eben dieser Lärm aus der Küche. Charlotte kennt diese Momente. Doch bis heute hat sie stets Angst davor. Sie sagt, ihre Mutter sei dann immer so anders.

Langsam öffnet Charlotte die Türe ihres Kinderzimmers und schaut vorsichtig in den Flur. Das Licht brennt. Als sie durch den Flur Richtung Küche geht hört sie das verzagte Atmen ihrer Mutter. Charlotte weiß was jetzt kommen wird. Etwas wovor sie sich fürchtet. Doch irgendwas, und sie weiß selbst nicht was und warum, zieht sie dann doch zu ihrer Mutter in die Küche. Und da liegt sie. Ihre Mutter liegt mal wieder sturzbesoffen auf dem Boden. Als sie umgefallen ist, hat sie offensichtlich die Küchenzeile abgeräumt und bei den Versuchen wieder aufzustehen hat sie noch weiteres Geschirr zu Boden geworfen.

Charlotte steht in der Tür und weint als sie ihre Mutter da liegen sieht. Sie geht in die Küche, doch ihre Mutter scheint mit ihrem apathisch wirkenden Blick wieder durch ihre Tochter hindurchzusehen. Charlotte ist zu schwach um ihrer Mutter wieder auf die Beine zu helfen. Doch sie holt den Handfeger um die Scherben aufzufegen, damit sich ihre Mutter nicht an diesen verletzen kann. Danach bringt sie alles in Sicherheit, was ihre Mutter bei weiteren Aufstehversuchen gefährden könnte, holt einen Eimer, falls Mama sich übergeben muss und geht wieder ins Bett. Ihr Herz rast noch immer. Sie weint noch immer. Aber da ist keiner der sie hört oder in den Arm nimmt.

Charlotte ist zehn Jahre alt und hat diese Geschichte lange niemandem erzählt. Aus Angst davor von zuhause wegzumüssen. „Wer kümmert sich dann um meine Mutter?“ weint sie und atmet schnell und unruhig. Man merkt, dass sie nicht sicher ist, ob es richtig war all das zu erzählen, sie weiß nicht ob das entgegengebrachte Vertrauen nicht missbraucht wird. Sie hat Angst. Angst um ihre Mutter.

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